Ist es nicht faszinierend, dass viele Menschen ihren Körper erst so richtig schätzen lernen, wenn sie einschneidende Erlebnisse hatten? Mir ging es vor kurzem auch so. Ich ging immer wieder über meine (körperlichen) Grenzen - ohne es zu merken!
Ich war soo sehr damit beschäftigt in der spirituellen Welt herum zu surfen, um mich selbst zu finden, dass ich meinen Körper dabei außer acht lies. Schlussendlich funktionierte er, fast einwandfrei - die ständigen körperlichen An- & Verspannungen waren für mich schon zur Normalität geworden. Mein Hashimoto und meine PTBS ignorierte ich gekonnt, und schob es auf andere Faktoren. Und schließlich bin ich ein spirituelles Wesen, das einen Körper hat. Was mir bis dahin aber nicht klar war: Ich habe einen Körper, indem (m)ein spirituelles Wesen wohnt - und BIN eben (auch) MENSCH.
Doch dieser Mensch konnte mit der irdischen Welt nicht soviel anfangen. In der spirituellen Ebene ging es mir nämlich "gut"!? Die irdische Ebene war mir zu ... hmm ... hier holte mich kurz gesagt die Realität ein. Zu sehr hatte ich etliche (Pseudo-)Spirituelle Floskeln verinnerlicht - und nie hinterfragt. Schließlich suchte ich schon mein ganzes Leben lang nach der ersehnten "Heilung". Doch Heilung bedeutet nicht, sich in andere Welten zu flüchten. Heilung bedeutet, alle Ebenen, auch den Körper miteinzubeziehen - in dem nunmal viele Traumatas gespeichert sind. Und in meinem Körper stecken (noch) viele davon ... zahlreiche Gewalterfahrungen aus der Kindheit, als auch dem Erwachsenenalter.
Ich habe bereits viele Verhaltenstherapien gemacht, doch merkte immer wieder, dass ich (mehr) im Verstand hängen blieb - und auch die Ursache(n) nicht wirklich behoben wurde(n). Ich war verzeifelt und suchte Zu-Flucht. Diese fand ich in der Spiritualität - dass ich mich aber von meinem Körper und meinem Mensch sein mehr und mehr entfernte, war mir nicht klar. Bitte nicht falsch verstehen, ich LIEBE und LEBE die Spiritualität - vor allem den schamanischen Weg - doch es gehören ALLE Ebenen miteinbezogen. Ich bin (auch) Mensch. Das hat mir mein Körper nun deutlich klar gemacht ...
Alles begann mit heftigen Schmerzen in der linken Schulter. Ich weigerte mich Schmerztabletten zu nehmen, "das zeigt mir ja nur was auf", dachte ich. "Morgen wirds wieder passen, wenn ich es einfach annehme und da sein lasse". Doch es kam anders. Der Schmerz ließ sich nicht mehr "wegmeditieren" oder ähnliches. Im Gegenteil, am nächsten Tag wurden die Schmerzen so intensiv, dass ich kolabiert bin, und stark gekrampft und hyperventiliert habe. Mein Mann (Dipl. Krankenpfleger) dachte für einen Moment, er muss mich reanimieren. Nach ein paar Minuten kam ich wieder zu mir. Mein Körper zitterte, ich war panisch und fragte mich in diesem Moment ernsthaft "wars das jetzt?"
Mein Mann hatte den Notdienst gerufen, der mich ins Krankenhaus brachte. Ich wurde zwei Tage lang durchgecheckt, soweit war alles in Ordnung. Bis auf die Panikattacken. Ich dachte, die hätte ich hinter mir gelassen. Vor Jahren schon hatte ich damit zu tun. Jetzt waren sie wieder da - mit voller Wucht.
Der Kollaps wurde durch den intensiven Schmerz ausgelöst. Und dieser triggerte mich bzw. meinen Körper massiv auf die unverarbeiteten Gewalterfahrungen - deshalb die Panikattacken. Zum ersten Mal wurde mir so richtig bewusst, was ich als Kind alles durchstehen musste - und das mein Körper noch sehr damit zu kämpfen hat. Und ja, es ist ein Kampf - ich will es mir nicht mehr mit (Pseudo-)Spiritualität schön reden. Zum Beispiel, dass ich mir das ausgesucht habe, etc. Der Mensch in mir hat sich das nämlich nicht ausgesucht! Der Mensch in mir, mein Körper, wünschen sich nur eins: Sicherheit. Und diese Floskeln geben mir keine Sicherheit mehr - sie waren nur eine Trauma-Überlebens-Strategie!
Versteh mich bitte nicht falsch, ich glaube, dass wir uns gewisse Dinge auf einer höheren, spirituellen Ebene selbst auserwählt haben, um zu wachsen, zu lernen, whatever. Aber ich glaube nicht (mehr), dass wir uns ALLES ausgesucht haben. Das ist für mich nicht stimmig. Schließlich hat der Mensch den sogenannten "freien Willen". Ich kann ja beispielsweise auch nicht anfangen meinen Mann zu schlagen, und dann zu ihm sagen "Schatz, das hast du dir eben ausgesucht" - das wär ja ... sorry, da fehlen mir die Worte.
Und so darf ich mich, das Leben, meinen Körper neu entdecken, neu kennen lernen, neu ordnen. Mein Nervensystem stabiliseren, Körper-Traumatherapie machen, meiner inneren Weisheit lauschen, sanftes Yin Yoga praktizieren - und mir dabei die Zeit geben, die es braucht. Gewisse Dinge brauchen Zeit. Ganz viel Zeit ... Ich werde viele alte Vorstellungen hinterfragen. Darauf achten mich dabei nicht verkopfen. Alle Ebenen in Einklang bringen, auch wenn ich noch nicht genau weiß wie. Aber das ist ja grad das spannende am Leben, oder? Ach, viele Dinge werden wir Menschen wohl nie be-greifen können ... Aber wie Albert Einstein so schön sagte: "Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle."
Und so wünsche ich dir, mir, uns allen, dass wir alle Tage unseres Lebens LEBEN. Mögen wir unseren Körper, unseren Geist, unser Herz und unsere Seele lieben, achten und ehren - so, wie wir es wahrlich brauchen. Mögen wir eine gesunde & bereichernde Spiritualität leben und unser "Mensch sein" dabei nicht vergessen - denn das macht uns ja schlussendlich aus. Zumindest in diesem irdischen Leben, das wir gerade erfahren ;-)
Danke Körper, danke Leben ...
Alles Liebe,
Sandra
